Warum die Post nicht nur Briefe, Zeitungen und Pakete bringt

Ein Gespräch mit Geneviève Wüthrich




Die Pöstlerinnen und Pöstler bringen heute neben Briefpost und Kleinwaren auch Gemüse oder Brot und holen gebrauchte Kaffeekapseln fürs Recycling ab. Manche Leute stehen diesen Dienstleistungen skeptisch gegenüber. Die Briefträger sollen sich auf das Wesentliche, ihre Kernkompetenz konzentrieren, finden sie. Doch was gehört überhaupt zu ihrem Auftrag und was bringt die Zukunft? Diese und weitere Fragen haben wir mit Geneviève Wüthrich, Leiterin Geschäftsfeld Letzte Meile und Business Solutions der Schweizerischen Post, diskutiert.



«Der Pöstler ist bald auch der Gärtner», liess die finnische Post 2016 verlauten. Bietet die Schweizerische Post künftig auch solche Dienstleistungen an?

Nein. Jede Post soll in ihrem spezifischen Geschäftsfeld tätig sein. Es gibt jedoch auch in der Schweiz einige Aufgaben, die ein Pöstler oder eine Pöstlerin zu Hause beim Kunden ausführen könnte. Allerdings müssen diese Dienstleistungen zu den Kernkompetenzen unserer Mitarbeitenden passen.



Was sind denn überhaupt die Kernkompetenzen der Pöstler?

Die liegen speziell im «Holen» und «Bringen» von Briefen, Kleinwaren und weiteren Gütern. Erbringen wir beispielsweise Dienstleistungen wie das Sammeln von Alu-Kaffeekapseln, dann sind wir sehr nahe an unserem Kerngeschäft: Der Kunde legt die gebrauchten Kapseln im dafür vorgesehenen Recycling-Beutel in das Ablagefach des eigenen Briefkasten und lässt eine Lasche raushängen. Der Briefträger oder die Briefträgerin nimmt den Beutel bei der nächsten Zustelltour mit – Zeitung und Briefe rein, gebrauchte Kaffeekapseln raus. Unser Ziel bei solchen Dienstleistungen ist es stets auch, das Leben unserer Kundinnen und Kunden zu vereinfachen.



Einige ärgern sich über solche Dienstleistungen und fordern einen Fokus auf das Kerngeschäft. Wird das Kerngeschäft der Post wirklich verdrängt?

Unsere Zusatzdienstleistungen sind immer so konzipiert, dass das Kerngeschäft der Zustellung nicht benachteiligt wird. Dieses erbringen wir an sechs Tagen die Woche für rund vier Millionen Haushalte in der ganzen der Schweiz. Es beschränkt sich allerdings nicht mehr nur auf Briefe und Postkarten, sondern umfasst neu auch andere Güter wie zum Beispiel frisches Brot oder Gemüse. Diese Zusatzdienstleistungen sind für uns als Post wichtig und werden nur unter der Prämisse der Rentabilität angeboten.



Aber warum sollte ein Pöstler für mich Dinge von A nach B fahren? Das kann ich doch selbst erledigen.

Das ist korrekt! Jedoch gibt es Arbeiten, die man nicht so gerne erledigt, da sie Zeit in Anspruch nehmen. Wie zum Beispiel das Bringen von Recycling-Gütern zur Sammelstelle – etwa leere PET-Flaschen, alte Kleider oder Alu-Kapseln. Um unseren Kundinnen und Kunden dies abzunehmen, bieten wir verschiedene Dienstleistungen an. Funktionieren tut es ganz einfach: Man deponiert das Recycling-Gut im entsprechenden Sack beim Briefkasten und der Pöstler holt es auf seiner regulären Zustelltour ab – ganz ohne Extrafahrt. So ermöglichen wir jedem Kunden etwas mehr Zeit und Freiraum in seinem Leben.



Und wie gefällt das dem Pöstler?

Sie sind gegenüber Veränderungen ihres Berufsprofils positiv eingestellt. Denn auch ihnen entgeht nicht, dass immer weniger Briefe und Zeitungen versendet werden. Ausserdem stehen wir im regen Austausch mit den Mitarbeitenden und versuchen, sie so gut wie möglich zu integrieren – von der Idee über die Pilotphase bis hin zur effektiven Einführung der Dienstleistung.

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Der Pöstler erledigt also nebst der Zustellung von Briefpost auch weitere Dienstleistungen. Was sind die Vorteile?

Vor allem in den Städten und der Agglomeration nimmt der Verkehr nach wie vor zu. Die Logistik mit der Post bringt deshalb auch einen Nachhaltigkeitsaspekt mit sich. Warum sollten Unternehmen, die ebenfalls einen Transport von A nach B benötigen, diesen selbst organisieren und durchführen? Denn unsere Mitarbeitenden fahren mit ihren elektrisch betriebenen Transport-Rollern ohnehin alle Haushalte in der Schweiz an. Auf ihren Routen können sie beispielsweise Gemüsetaschen mitnehmen. So werden wertvolle Synergien genutzt und die Umwelt wird geschont.



Ist die Post die treibende Kraft bei solchen Innovationen oder wie gehen Sie vor?

Im Idealfall, und dies trifft in den meisten Fällen zu, realisieren wir logistische Dienstleistungen mit unseren Partnern zusammen. Jedoch entwickeln wir Ideen auch bei uns intern. Ein Beispiel hierfür ist die Dienstleistung «Zustellung regionaler Produkte». Sie entstand im Austausch zwischen einem Pöstler und einem befreundeten Bauern. Der Landwirt hatte die Idee, seine Produkte in der Region als Versand-Abo anzubieten. Jedoch fehlte ihm ein geeigneter Logistiker. Wir entwickelten eine massgeschneiderte Logistikdienstleistung für dieses Bedürfnis. Heute arbeiten wir mit rund 40 landwirtschaftlichen Produzenten schweizweit zusammen.

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Und wie ist die Brot-Post entstanden?

Auch diese Dienstleistung entstand aus einem konkreten Bedürfnis heraus. Bei uns im Team gibt es einige Kolleginnen und Kollegen, die frisches Brot direkt vom Bäcker mögen. Jedoch ist der Kauf in den meisten Fällen mit einem Zeitaufwand oder einem Umweg verbunden. Und so entstand die Idee für ein Brot-Abo. Innerhalb unseres Netzwerks sind wir auf jemanden gestossen, der früher selbst bei der Post angestellt war und heute für die Bäckerei/Confiserie Eichenberger arbeitet. Mit ihm konnten wir unsere Idee spiegeln und einen erfolgreichen Pilotversuch starten.



Solche Dienstleistungen sind etwas Neues. Ging auch schon mal was schief?

Ja, klar! Jedoch versuchen wir das Risiko so klein wie möglich zu halten, indem wir in zeitlich begrenzten Pilotversuchen und in Testgebieten arbeiten. Manchmal braucht es einfach sehr viel Zeit, bis sich eine neue Dienstleistung etablieren kann.




Wo liegen die Grenzen der Logistik-Möglichkeiten?

Es gibt einige Herausforderungen, die uns an Grenzen bringen. Bei Produkten, die eine Einhaltung der Kühlkette erfordern, wird’s schwieriger, da die Empfänger bei der Zustellung meistens nicht zu Hause sind und die Kühlung bis zum Abend gewährleistet werden muss.



Gibt aber weitere Einschränkungen?

Nebst der logistischen Komponente gibt es auch in der Umsetzung ein paar Limitierungen: Die Nachfrage auf dem Markt und zahlungsbereite Kunden sind Voraussetzung dafür, dass eine Dienstleistung funktioniert. Deshalb arbeiten wir bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen immer eng mit unseren Kunden zusammen.



Und wie sieht die Zukunft aus? 

Unser Vorteil ist es, dass unsere Pöstlerinnen und Pöstler fast jeden Tag bei fast jedem Haushalt vorbeifahren. Dies wollen wir in Zukunft noch vermehrt nutzen, um neue Dienstleistungen zu entwickeln – gemeinsam mit Partnern, Privatkunden und unseren Mitarbeitern.



Herzlichen Dank für die aufschlussreichen Einblicke.



Sind Sie ein Dienstleister und auf der Suche nach einer Logistikpartnerin? Oder haben Sie eine Idee für eine Dienstleistung, die Sie mit uns testen wollen? Wir freuen uns über Ihre Kontaktaufnahme per Mail oder Telefon:


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